Ende November 2019 besuchte ich sie auf ihrem Gestüt in Neritz bei Bad Oldesloe, um – endlich! – eine schon mehrfach verschobene Geschichte über eine Frau zu schreiben, die Trabrennsportgeschichte geschrieben hat. Und noch einmal sprachen wir über Pferde, über Siege, über gute alte Zeiten und auch über mögliche gute Zeiten in der Zukunft. Denn bis zuletzt war der Trabrennsport ein zentraler Bestandteil im Leben von Marion Jauß  - als Besitzerin und als Züchterin. Das Fahren hatte sie da – altersbedingt – längst ad acta gelegt.

So aber war sie zum Sport gekommen. Als Marion Winter (die Initialen MW schmücken noch heute den Besitzerdress) kam die Dressur- und Springreiterin zum Geschirrsport. Im Herbst 1970 gewann sie mit Kalauer ein Gästefahren, und die gebürtige Berlinerin war fortan Feuer und Flamme für den Fahrsport. Ein halbes Jahr nach dem siegreichen Sulkydebut war sie Amateurfahrerin und gewann in der Folge unzählige Rennen und Championate. Auch privat durch die Heirat mit Trabertrainer Gottlieb Jauß wurde die Beziehung zum Sport immer enger. Isabell und Andreas kamen zur Welt, doch das stoppte die Mutter nur zeitweise. Sie fuhr Sieg um Sieg ein und errang zahlreiche Championate. Sie lieferte sich mit den Herren der Schöpfung ebenso packende Duelle um das Championat wie mit ihrer Freundin Rita Drees und gewann etwa am 4. Dezember 1977 in Berlin gleich fünf Rennen. Rund 40 Jahre war sie dann aber zu Hause in Schleswig-Holstein, wo sie den Hof des Komponisten Bert Kaempfert erworben hatte. In Neritz hatten ihre Vierbeiner es besser als im eingemauerten Berlin in der Zeit der zwei deutschen Staaten.

Die kalte war nicht ihre Jahreszeit, denn in ihrer offenen und ehrlichen Art bekannte sie auch im November des letzten Jahres einmal mehr, auf das Frühjahr zu warten: „Im Winter ist der Stall nicht so mein Ding!“ So stieg sie oft genug erst in die Saison ein, wenn die Sonne höher am Himmel stand. Dann aber richtig, so wie sie ohnehin weder Kosten noch Mühen scheute - erstklassiges „Material“ in jeder Hinsicht, doch über alldem – und unter einer zuweilen schroffen Schale verborgen – dominierte ihre Liebe zum Pferd. Wer die rüstigen Rentner wie Eroicus Rex, King Boshoeve oder Bodyguard of Spain auf dem Gestüt Neritz erleben durfte wie ich im vergangenen November, der zweifelte daran nicht.

Am 7. Januar 1993 gewann sie mit Vanessa Ass in Hamburg-Bahrenfeld ihr 1.000 Rennen und durchbrach damit als zweite Amazone auf der Welt – nach Rita Drees - eine Schallmauer. Insgesamt fuhr sie 1.614 Siege ein. Auch schwere Stürze konnten sie nicht daran hindern, immer wieder in den Sulky zu steigen. Mit Courier erfüllte sie sich 1994 einen lang gehegten Traum: Marion Jauß gewann nach etlichen Anläufen die Deutsche Amateurmeisterschaft. Es folgten glanzvolle Feste zu diesen Anlässen, denn Marion Jauß war auch lebenslustig und einer geselligen Feier wahrlich nicht abgeneigt. Legendär geradezu ihre Championatsfeiern auf dem Gestüt Neritz und auch später dann in Hamburg bei ihrem Lieblingsitaliener. Sie wusste das Leben zu genießen und scherte sich nicht groß darum, was andere über sie dachten. Oft genug lagen Ernst und Spaß dicht beieinander. Als wir 2016 in einer, wie sie zu sagen pflegte, „Kneipe“ zu Abend aßen, die in Wahrheit ein feines italienisches Restaurant war, runzelte sie die Stirn ob einer lärmenden Kinderschar am Nebentisch und stieß begeistert als Mutter mit mir, einem zweifachen Vater, an, als ich sagte: „Ich kann Kinder auch nicht leiden!“ Ob es daran lag oder wohl doch eher ihrer Großzügigkeit geschuldet war, selbstverständlich übernahm sie die „Kneipenrechnung“.

Unterschiedliche Fahrer gewannen für sie das Stutenderby, das quasi ihr Rennen war, denn es ging gleich fünf Mal an eine Stute aus dem Quartier von Marion Jauß. Gilda Newport gewann für sie 2016, obwohl Trainer Dion Tesselaar sich auch im „offenen“ Derby eine Chance ausgerechnet hatte, doch die Besitzerin hatte sich in ihrer Art durchgesetzt: “Ich möchte lange etwas von meinen Pferden haben.“ Der Traum vom „echten“ Derbysieg wurde weiter geträumt, aber eben nicht auf Kosten der Pferde. Und 2017 war man ganz nah dran, denn ohne eine Galoppade im Einlauf hätte Portland den Traum wohl wahr werden lassen. So aber musste Portland Marion Jauß mit Siegen in Frankreich unter der Obhut von Björn Goop entschädigen. Der schwedische Meister fuhr oft für sie, wie auch alle deutschen Spitzenkräfte, doch während sie bei den Pferden nachsichtig war, analysierte sie Fahrfehler der Piloten gnadenlos und oft genug auch mit deutlichen Ausdrücken.

Seit 2004 betreut Dirk Hafer den Rennstall des Gestütes Neritz, und Marion Jauß wusste ganz genau, was sie an ihm hatte. Sie durchschaute die Menschen mehr, als es sich manche vorstellen konnten, und hatte ein Gespür dafür, wer nur freundlich zu ihr war, weil er von ihrem Kontostand gehört hatte und wer es hingegen ehrlich mit ihr meinte. Gemeinsam besprachen die beiden die Planungen für die Rennen und tauschten sich auch über die Zucht aus. Der einst zum Spitzenkurs von 220.000 EUR auf der Berliner Auktion erworbene Baltimore As, der als Rennpferd viel Freude gemacht hatte, bekam als eigener Deckhengst seine Chancen und etwa Stutenderby-Siegerin Fräulein Wunder zur Partnerin. Für dieses Jahr war auch Gilda Newport im Gespräch, denn bis zuletzt war Marion Jauß nah dran an ihrem Sport – auch das ein Verdienst von Dirk Hafer und einem motivierten Team.  

Dem deutschen Trabrennsport wird eine engagierte Frau fehlen, deren großer Traum nun zwar unerfüllt bleiben wird, der Sieg im Deutschen Traberderby, doch deren Leben mit und für den Pferderennsport ein erfülltes war.

Carsten Borck