Der Hamburger wuchs in der Nähe der Bahrenfelder Trabrennbahn auf und hatte ursprünglich ganz anderes im Sinn. Fußballprofi wollte er werden, doch daraus sollte nichts werden, denn ein Kimmich war noch nicht geboren und von seiner Statur her schien Jörg nicht für die ganz große Laufbahn mit dem Ball in Frage zu kommen. Was also tun?

Eines Tages in den Sommerferien schaute er auf der Trabrennbahn neugierig in die Ställe von Klaus Makoben und Walter Heitmann und schaute beim Training zu. Seinen Spitznamen hatte er sofort weg und sollte ihn sein Leben lang behalten: „Mücke“.

In einer Zeit, als es dem deutschen Trabrennsport wesentlich besser ging, erlernte „Mücke“ sein Handwerk – als faktisch letzter Lehrling der Trabrennlegende Walter Heitmann senior und später dessen Sohn Peter. Derart qualifiziert ausgebildet, verwundert es nicht, dass Jörg auch seine Prüfung zum Pferdewirtschaftsmeister locker bestand, wenngleich es beim theoretischen Teil, der Hausarbeit, gewisser Kreativität bedurfte.

Als selbstständiger Trabertrainer wurde er nach Studienaufenthalten in Belgien und Italien daheim schnell zu einer festen Größe im norddeutschen Geschirrsport. Auch wenn es gegen Dauerchampion Henning Rathjen nie zum ganz großen Wurf reichte, fuhr er mit schöner Regelmäßigkeit zu Siegerehrungen in Hamburg und Elmshorn vor. Dorthin -  auf das Halbmeilengeläuf - hatte er im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts seine Trainingstätigkeit verlegt, zumal er auch eng mit dem Gestüt R. Corner zusammenarbeitete, dass passenderweise in der Nachbarschaft lag. So kam er – leider erst nach dem Derbytriumph – auch in den Genuss, den Derbysieger Rambo Corner steuern zu dürfen. Ein Derby konnte er sich aber doch in seinen meist weißen Rennfarben gewinnen: das dänische Stutenderby mit Woman New 1996. Die Stute war eines seiner Paradepferde und gewann in Deutschland unter anderem auch das Berliner Bruno Cassirer-Rennen. In der Hauptstadt gelang ihm mit Tilly Somolli 1994 ein Sieg im Buddenbrock-Rennen, Im Niersia-Pokal ein Treffer mit Acadiana.

Laut HVT-Statistik verzeichnete Schefe in seiner Karriere als Trainer 1.515 Siege und erzielte als Fahrer 1.374 Triumphe. Darunter waren viele Erfolge mit Pferden, die zu Publikumslieblingen wurden: Cembalo schaffte 69 Siege bei 181 Starts. Gar 196 Auftritte hatte am Ende seiner Laufbahn Tinett absolviert. Der seiner damaligen Lebensgefährtin Bettina Saggau gehörende Hengst gewann 51 Rennen. Schon das erklärt das Können Schefes, der seine Schützlinge bestens betreute und bis ins „hohe Alter“ in Form hielt.

Tinett war überdies ein „Pferd für alles“, denn Jörg Schefe war nicht nur ein erfolgreicher Pferdemann, sondern auch stets bemüht, „seinen Sport“ darüber hinaus zu unterstützen. Er war sich nicht zu schade dafür, an Schaunummern jedweder Art teilzunehmen. Tinett trat mit ihm gegen Leichtathleten auf dem Elmshorner Oval an, die trotz großer Vorgabe ihm nicht davon sprinten konnten. Einen Mountain-Bike-Fahrer überholte er beim Duell schon in der ersten Kurve, allerdings mit einem Seitenabstand, der im normalen Straßenverkehr zur Anzeige gekommen wäre, so aber für spektakuläre Bilder der am Sulky montierten Kamera sorgte, die im frei zugänglichen Fernsehen bei RTL liefen. In einem Time-Trial über exakt 1.000 Meter trabte Tinett im Mai 1996 mit 1.14,4 einen inoffiziellen Elmshorner Bahnrekord.

Nach dem Aus der Elmshorner Trabrennbahn zog Jörg Schefe nordwärts, wo er auf dem Gestüt Helenenhof seine Schützlinge gemeinsam mit Sandra Weinert vorbereitete, darunter waren auch Trotter aus dem Stall von Elisabeth Kiausch. Die Hamburgerin, die als bedeutendste SPD-Politikerin der Hansestadt gelten darf, war eine große Liebhaberin des Trabrennsports und verstarb kürzlich im Alter von 93 Jahren. Man mag es für Zufall halten oder für ein Walten des Weltgeistes: Der nur 65 Jahre alt gewordene Jörg Schefe gewann sein letztes Rennen am 5. Januar 2017 auf der Bahrenfelder Trabrennbahn mit Massimo K, Züchterin und Besitzerin Elisabeth Kiausch.

cb